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[...]
In meinem vierten Lebensjahr zogen wir nach Deutsch-Kreutz, einem Dorfe
bei Ödenburg. Dort verblieb ich bis zu meinem 14. Jahr. Mein Vater hatte
in seinen beiden Eigenschaften als Kantor und Notar, wie man es damals
nannte, ein Gehalt von 200 Gulden jährlich und 12 lebende Kinder um
sich, mit den verstorbenen 21 oder 24, ich bin darüber nicht genau informiert.
Selbstverständlich gab es da weder französische Bonnen noch Hofmeister.
Das ältere mußte das jüngere erziehen, das heißt des Morgens waschen,
kämmen usw. Dann wurde die kleine Herde ins Freie gelassen, die auf
Feld und Wiesen tollte - bis zur nächsten Fütterung, die kärglich genug
ausfiel.
Und keine Schule
Ich hatte das Glück,
keine Schule zu besuchen. Wer da zusieht, wie dem armen Kinde die Jugend,
dieser holde Traum - ach, nur einmal geträumt - vergällt und verbittert
wird, in der Schule, im Hause mit Arbeit überlastet, die, seinen Jahren
noch nicht angemessen, seine Arbeitsfähigkeit übersteigt, in der Stadt,
in dumpfen Stuben ohne Luft, von einem Tage zum anderen das kindliche
Herz mit Angst und Sorge beschwert, ob die Arbeit dem strengen Lehrer,
ob die Zensur die besorgten Eltern befriedigt - wer all das an seinen
Kindern selbst erlebt, wird mir glauben, wenn ich sage: ich hatte eine
glückliche Kindheit; denn keinerlei Schulsorge oder Plage bedrückte
mich.
Es wäre albern zu glauben, daß ich damit die Notwendigkeit der Schule
verkenne. Habe ich es doch selbst später schmerzlich empfunden, aus
Mangel jeglicher musikalischen Erziehung die schönsten Jahre blühender
Jugend (als Komponist) verloren zu haben. Auch hat nicht gerade jeder
den Kopf, die Spannkraft, den eisernen, unermüdlichen Lerntrieb (der
mir bis ins hohe Alter verblieb), immer sich selbst zu lehren und zu
ernähren, das autodidaktisch auf großen Umwegen sich mühevoll zu erwerben,
was die Schule in sorgfältiger Auswahl wohl vorbereitet ihm auf kürzestem
Wege entgegenbringt. Aber von allen diesen Notwendigkeiten hatte ich
damals keine Ahnung; ich spielte sorglos auf Wiesen und Feldern, in
Wäldern, auf Bäumen und - Misthaufen, wo und wie es mir am lustigsten
schien. Ich darf mit Recht sagen, meine Kindheit war eine glückliche
- im Elternhause. Ich hatte Zeit und Muße genug zu allen Tollheiten
und Jugendstreichen. Einer, gewiß der unbedeutendste, ist mir, vielleicht
wegen seiner Begleiterscheinungen, doch am lebhaftesten in Erinnerung
geblieben.
Ich raubte einer Marktfrau ein wohlriechendes (Minz-) Blatt aus ihrem
Blumenkorbe und lief davon. Der Vater sah es vom Fenster aus und als
ich nach Hause kam, gab`s eine so ausgiebige Besichtigung dieses Falls,
daß ich mehrere Tage das Stehen dem Sitzen vorzog. Und noch heute liebe
ich das Blatt, denn sein Duft zaubert mir die Kindheit mit all ihren
Süßigkeiten herauf. (Ich finde das Blatt noch stets in meinem Garten
eigens für mich gepflanzt.) In dem kleinen ungarischen Dorfe gab es
für die deutsche Bevölkerung keine Schule. Den ersten Unterricht im
Schreiben und Lesen erhielt ich, zwölfjährig, von meinem nachmaligen
Schwager Friedmann.
Musikalische
Anfänge
Meine musikalische
Anlage offenbarte sich in sonderbarer Weise. Nach einem Hochzeitsdiner
blieb eine Anzahl halbgefüllter Gläser zurück. Ich bemerkte, daß jedes,
je nach Füllung, einen tieferen oder höheren Ton gab. Mit diesen Gläsern
stellte ich eine Skala zusammen und mit einem Stäbchen spielte ich dann
mir bekannte Weisen zum großen Erstaunen meiner Umgebung - und das "Genie"
war geboren. Musik im eigentlichsten Sinne hatte ich nie gehört. Die
Tanzmusik, von vier Handwerkern auf entsetzlich verstimmten Blasinstrumenten
gespielt, verdiente wohl kaum den Namen Musik.
Auch mein erster Musikunterricht war nicht danach angetan, mir von der
Musik und ihrer erhabenen Mission einen besonderen Begriff zu geben.
Einer unserer Chorsänger, der ein bißchen Geige spielte, nahm mich als
Elfjährigen in die Lehre und der Unterricht begann damit - nachdem er
mir gezeigt, wie man Geige und Bogen hält -, daß er auf seiner Geige
einen Walzer spielte und ich, ohne von Noten oder Takt das geringste
zu wissen, sollte auf meiner Geige akkompagnieren, das heißt, er spielte
in C-Dur, markierte mit dem Fuß den Niederstrich (das erste Viertel),
und ich sollte auf den tieferen Saiten in Doppelgriffen E-C und F-D,
zweites und drittes Viertel, nachschlagen. Nun, ich glaube, der Lehrer
hat mit dem Fiedelbogen jedenfalls besser auf meine kleinen Finger nachgeschlagen
als ich. Nun aber sollte mir doch eine Ahnung von Musik und ihrer poesievollen
Macht aufdämmern.
[...]
Nun trat ein Ereignis ein, das über meine Zukunft entscheiden sollte.
An unser Haus grenzten Baumgärten. Dahinter dehnten sich weite Äcker
und an diese anschließend ein Haselnußwäldchen. Das war mein liebster
Aufenthalt.
Eines schönen, sonnigen Tages ging ich dahin, legte mich auf den Rücken
ins Gras, starrte in den blauen Himmel und ließ mir die warme Sonne
ins Gesicht scheinen. Es war Sonntagvormittag. Feierliche Stille umgab
mich, nur Bienen und Käfer summten, hoch in den Lüften jubilierten die
Lerchen süße Weisen.
Da, mit einem Male erklangen sanfte Kirchenglocken aus weiter Ferne,
und als diese schwiegen, erbrauste die Orgel mit Macht. Sie wurde sanft
und vier Stimmen mit ihr vereint sangen in Dreiklängen die heilige Messe.
Ein Strom von Wohllaut, von weichen Harmonien überflutete mich. Diese
durch Entfernung idealisierten, immateriellen, weithin schwebenden süßen
Klänge, wie tief senkten sie sich in das der Musik entgegenblühende
Kinderherz! Ich hatte so etwas nie gehört, denn die Kirche, von der
wir entfernt wohnten, durften wir nie betreten. Zum ersten Male hörte
und empfand ich die erschütternde Macht der Harmonie, der Musik überhaupt.
In meiner Unwissenheit konnte ich mir keine Rechenschaft geben über
das, was ich hörte - aber ich hatte Tränen in den Augen und noch heute
erschauere ich, gedenke ich dieses ersten, so mächtigen musikalischen
Eindrucks. In diesem Augenblick hatte sich mein Geschick, meine Zukunft
entschieden, war mein Lebensberuf bestimmt - ich war Musiker und - sonderbar
genug - durch die katholische Kirche.
[...]
Eines Tages ging
ich mit dem Verein zu einem Bundesgesangsfest nach Wiener Neustadt,
zwei Eisenbahnstunden von Deutschkreutz entfernt. Von heißer Sehnsucht
ergriffen, ließ ich den Verein mit den anderen "bundesfest"
singen und ging nach achtzehnjähriger Abwesenheit den Ort meiner
glücklichen, dort verlebten Kinderjahre wieder zu sehen. Ich trete
ins Haus, ins Zimmer, wo ich mit den geliebten Eltern und Geschwistern
gelebt, gespielt und getollt habe. Eine Frau mit dem Kinde auf dem Arme
fragt nach meinem Begehren. Statt aller Antwort stürzen mir die
Tränen aus den Augen; keines Wortes mächtig, eile ich hinaus
aufs Feld - ins Gras und heule wie ein Schloßhund. [...]
Es muß ein vertrocknetes, verknöchertes Herz sein, dem die
Scholle, auf der seine Wiege stand, all die süßen Erinnerungen
glücklicher Kindheit nicht teuer sind. In diesem Sinne habe ich
meiner Geburtsheimat die Treue bewahrt.
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