Autobiografie


Zitiert nach Goldmark K., Erinnerungen aus meinem Leben, Wien 1922, S. 12 - 16; S. 83, 84

Meine Kindheit

[...]
In meinem vierten Lebensjahr zogen wir nach Deutsch-Kreutz, einem Dorfe bei Ödenburg. Dort verblieb ich bis zu meinem 14. Jahr. Mein Vater hatte in seinen beiden Eigenschaften als Kantor und Notar, wie man es damals nannte, ein Gehalt von 200 Gulden jährlich und 12 lebende Kinder um sich, mit den verstorbenen 21 oder 24, ich bin darüber nicht genau informiert. Selbstverständlich gab es da weder französische Bonnen noch Hofmeister. Das ältere mußte das jüngere erziehen, das heißt des Morgens waschen, kämmen usw. Dann wurde die kleine Herde ins Freie gelassen, die auf Feld und Wiesen tollte - bis zur nächsten Fütterung, die kärglich genug ausfiel.

Und keine Schule

Ich hatte das Glück, keine Schule zu besuchen. Wer da zusieht, wie dem armen Kinde die Jugend, dieser holde Traum - ach, nur einmal geträumt - vergällt und verbittert wird, in der Schule, im Hause mit Arbeit überlastet, die, seinen Jahren noch nicht angemessen, seine Arbeitsfähigkeit übersteigt, in der Stadt, in dumpfen Stuben ohne Luft, von einem Tage zum anderen das kindliche Herz mit Angst und Sorge beschwert, ob die Arbeit dem strengen Lehrer, ob die Zensur die besorgten Eltern befriedigt - wer all das an seinen Kindern selbst erlebt, wird mir glauben, wenn ich sage: ich hatte eine glückliche Kindheit; denn keinerlei Schulsorge oder Plage bedrückte mich.
Es wäre albern zu glauben, daß ich damit die Notwendigkeit der Schule verkenne. Habe ich es doch selbst später schmerzlich empfunden, aus Mangel jeglicher musikalischen Erziehung die schönsten Jahre blühender Jugend (als Komponist) verloren zu haben. Auch hat nicht gerade jeder den Kopf, die Spannkraft, den eisernen, unermüdlichen Lerntrieb (der mir bis ins hohe Alter verblieb), immer sich selbst zu lehren und zu ernähren, das autodidaktisch auf großen Umwegen sich mühevoll zu erwerben, was die Schule in sorgfältiger Auswahl wohl vorbereitet ihm auf kürzestem Wege entgegenbringt. Aber von allen diesen Notwendigkeiten hatte ich damals keine Ahnung; ich spielte sorglos auf Wiesen und Feldern, in Wäldern, auf Bäumen und - Misthaufen, wo und wie es mir am lustigsten schien. Ich darf mit Recht sagen, meine Kindheit war eine glückliche - im Elternhause. Ich hatte Zeit und Muße genug zu allen Tollheiten und Jugendstreichen. Einer, gewiß der unbedeutendste, ist mir, vielleicht wegen seiner Begleiterscheinungen, doch am lebhaftesten in Erinnerung geblieben.
Ich raubte einer Marktfrau ein wohlriechendes (Minz-) Blatt aus ihrem Blumenkorbe und lief davon. Der Vater sah es vom Fenster aus und als ich nach Hause kam, gab`s eine so ausgiebige Besichtigung dieses Falls, daß ich mehrere Tage das Stehen dem Sitzen vorzog. Und noch heute liebe ich das Blatt, denn sein Duft zaubert mir die Kindheit mit all ihren Süßigkeiten herauf. (Ich finde das Blatt noch stets in meinem Garten eigens für mich gepflanzt.) In dem kleinen ungarischen Dorfe gab es für die deutsche Bevölkerung keine Schule. Den ersten Unterricht im Schreiben und Lesen erhielt ich, zwölfjährig, von meinem nachmaligen Schwager Friedmann.

Musikalische Anfänge

Meine musikalische Anlage offenbarte sich in sonderbarer Weise. Nach einem Hochzeitsdiner blieb eine Anzahl halbgefüllter Gläser zurück. Ich bemerkte, daß jedes, je nach Füllung, einen tieferen oder höheren Ton gab. Mit diesen Gläsern stellte ich eine Skala zusammen und mit einem Stäbchen spielte ich dann mir bekannte Weisen zum großen Erstaunen meiner Umgebung - und das "Genie" war geboren. Musik im eigentlichsten Sinne hatte ich nie gehört. Die Tanzmusik, von vier Handwerkern auf entsetzlich verstimmten Blasinstrumenten gespielt, verdiente wohl kaum den Namen Musik.
Auch mein erster Musikunterricht war nicht danach angetan, mir von der Musik und ihrer erhabenen Mission einen besonderen Begriff zu geben.
Einer unserer Chorsänger, der ein bißchen Geige spielte, nahm mich als Elfjährigen in die Lehre und der Unterricht begann damit - nachdem er mir gezeigt, wie man Geige und Bogen hält -, daß er auf seiner Geige einen Walzer spielte und ich, ohne von Noten oder Takt das geringste zu wissen, sollte auf meiner Geige akkompagnieren, das heißt, er spielte in C-Dur, markierte mit dem Fuß den Niederstrich (das erste Viertel), und ich sollte auf den tieferen Saiten in Doppelgriffen E-C und F-D, zweites und drittes Viertel, nachschlagen. Nun, ich glaube, der Lehrer hat mit dem Fiedelbogen jedenfalls besser auf meine kleinen Finger nachgeschlagen als ich. Nun aber sollte mir doch eine Ahnung von Musik und ihrer poesievollen Macht aufdämmern.
[...]
Nun trat ein Ereignis ein, das über meine Zukunft entscheiden sollte.
An unser Haus grenzten Baumgärten. Dahinter dehnten sich weite Äcker und an diese anschließend ein Haselnußwäldchen. Das war mein liebster Aufenthalt.
Eines schönen, sonnigen Tages ging ich dahin, legte mich auf den Rücken ins Gras, starrte in den blauen Himmel und ließ mir die warme Sonne ins Gesicht scheinen. Es war Sonntagvormittag. Feierliche Stille umgab mich, nur Bienen und Käfer summten, hoch in den Lüften jubilierten die Lerchen süße Weisen.
Da, mit einem Male erklangen sanfte Kirchenglocken aus weiter Ferne, und als diese schwiegen, erbrauste die Orgel mit Macht. Sie wurde sanft und vier Stimmen mit ihr vereint sangen in Dreiklängen die heilige Messe.
Ein Strom von Wohllaut, von weichen Harmonien überflutete mich. Diese durch Entfernung idealisierten, immateriellen, weithin schwebenden süßen Klänge, wie tief senkten sie sich in das der Musik entgegenblühende Kinderherz! Ich hatte so etwas nie gehört, denn die Kirche, von der wir entfernt wohnten, durften wir nie betreten. Zum ersten Male hörte und empfand ich die erschütternde Macht der Harmonie, der Musik überhaupt. In meiner Unwissenheit konnte ich mir keine Rechenschaft geben über das, was ich hörte - aber ich hatte Tränen in den Augen und noch heute erschauere ich, gedenke ich dieses ersten, so mächtigen musikalischen Eindrucks. In diesem Augenblick hatte sich mein Geschick, meine Zukunft entschieden, war mein Lebensberuf bestimmt - ich war Musiker und - sonderbar genug - durch die katholische Kirche.
[...]

Eines Tages ging ich mit dem Verein zu einem Bundesgesangsfest nach Wiener Neustadt, zwei Eisenbahnstunden von Deutschkreutz entfernt. Von heißer Sehnsucht ergriffen, ließ ich den Verein mit den anderen "bundesfest" singen und ging nach achtzehnjähriger Abwesenheit den Ort meiner glücklichen, dort verlebten Kinderjahre wieder zu sehen. Ich trete ins Haus, ins Zimmer, wo ich mit den geliebten Eltern und Geschwistern gelebt, gespielt und getollt habe. Eine Frau mit dem Kinde auf dem Arme fragt nach meinem Begehren. Statt aller Antwort stürzen mir die Tränen aus den Augen; keines Wortes mächtig, eile ich hinaus aufs Feld - ins Gras und heule wie ein Schloßhund. [...] Es muß ein vertrocknetes, verknöchertes Herz sein, dem die Scholle, auf der seine Wiege stand, all die süßen Erinnerungen glücklicher Kindheit nicht teuer sind. In diesem Sinne habe ich meiner Geburtsheimat die Treue bewahrt.